Überlegungen zur Kultur als Einflussgröße im Selbstkonzept (4)
Überlegungen zur Kultur als Einflussgröße im Selbstkonzept ((4)*
Kulturelle Werte können offenbar nur funktional bzw. adäquat, jedoch nicht „wahr“ an sich sein. Insofern als sie sich im Lebensvollzug „bewähren“, sind sie für das Individuum eine praktikable Entscheidungshilfe bei der Überbrückung von fehlenden Kenntnissen. Genau dies dürfte im interkulturellen Kontext zunächst der Normalfall sein, denn fremde Wertesysteme sind zwar wissenschaftlich rekonstruierbar, aber nicht wirklich erfahrbar. Ein prominentes Beispiel in der chinesischen Kultur dürfte das Konzept des „guanxi“ sein (Yeung & Tung, 1996). Die darin zum Ausdruck kommende Betonung eines weitverzweigten Beziehungsgeflechts erscheint nachvollziehbar. Die konkrete Bedeutung, was dies zum Beispiel in einer Organisation wirklich einschließt, ist nur vor Ort erlebbar.
Jetzt können die Überlegungen auf den Gegenstand der Betrachtung übertragen werden: Selbstkonzepte als Produkte der Verarbeitung selbstbezogener Erfahrungen sind im weitesten Sinne geistige Ergebnisse. Nur als Ergebnisse sind sie (partiell) über verbale Äußerungen zugänglich. Diese impliziten Theorien über die eigene Person entstehen im kommunikativen Kontakt und vermitteln Bedeutungen im doppelten Sinne:
· Zunächst weist das Selbstkonzept auf etwas zur eigenen Person (objektiv) Erkanntes hin.
· Zum zweiten ist damit dem nachgeordnet, jedoch einander bedingend, eine (subjektive) Einordnung des Erkannten, eine Bewertung hinsichtlich der individuellen Bedeutsamkeit verbunden.
An dieser Stelle wird die angeführte gegenseitige Zuordnung unterschiedlicher Begriffe deutlich: Über die Grundfähigkeit der Selbstreflexivität (Selbstreferenz) wird es dem Individuum möglich, qua Selbstanalyse sich selbst erkennend zu werten bzw. sich selbst wertend zu erkennen. Interiorisierte Werte sind so als über kommunikative Akte (das Subjekt wird zum Objekt der Betrachtung) entstandene, kognitiv-affektiv “verankerte” handlungsrelevante (emotionale, kognitive, normative) Selbstbewertungen. Diese Einstellungen zur eigenen Person bilden als Einstellungsstruktur die Grundlage der Selbststruktur und motivieren in autonomer Weise individuell sinnhafte Handlungen. Im kommunikativen Austausch mit sich selbst bilden überindividuell-gesellschaftliche Bewertungssysteme die Bezugspunkte für die Bewertung des Erkannten.
Auf diese Weise wirken kulturelle Faktoren (zum Beispiel Erziehungsregeln, medial vermiitelte Ideologien bis hin zu ästhetischen Präferenzen) als Eckdaten regulierend (orientierend und begrenzend) bei der Aneignung eines Wertesystems.
Mit Schmidt (1994) lässt sich aus kommunikationstheoretischer Sicht Kultur** als “Ausführungsprogramm für Sozialität auf der kognitiven, kommunikativen und sozialstruktuellen Ebene” (S. 243) verstehen, durch welches Wirklichkeitsmodelle als soziale Sinnsysteme angeboten und über normierende Mechanismen (Normen als sanktionierte Wertvostellungen) dynamisch reproduziert, kommuniziert, rezipert und produziert werden. Das heißt jedoch nicht, die Autonomie und Eigenaktivität des Indiviuums mit seiner personalen Identität zu vernachlässigen. Damit sind diejenigen Wertvorstellungen einer Person gemeint, die nicht Teil des “Ausführungsprogramms” sind, sondern möglicherweise trotzdem entstanden oder gegen dieses gerichtet sind. Vielmehr ist damit das gesamte Verhältnis des Person-Umwelt-Bezuges angesprochen.
* T. Meynhardt: Interkulturelle Differenzen im Selbstkonzept von Managern. ISBN: 3-8309-1182-3
** C. J.M. Beniers: Kultur. www.slideshare.net/beniers
NL Zoetermeer
11-04-2010
© Copyright 2010
Über Professor C.J.M. Beniers
Prof. C.J.M. Beniers ist ein bekannter Fachmann auf dem Gebiet von modernen und internationalen Kommunikationstechniken und Entwickler vom Sechs-Komponenten-Modell. Damit können Firmen, Institutionen und Politiker mit Gesprächspartnern aus aller Welt erfolgreich kommunizieren und verhandeln. Seine Karriere begann als internationaler Manager bei Philips N.V. Später promovierte er als Professor und hat mittlerweile mehr als 35 Jahre Erfahrung als Manager und Management Trainer. Dadurch kennt er beide Seiten, die Theorie und die Praxis, sehr genau. Als Kommunikationsexperte veranstaltet er wissenschaftliche Forschungen im interkulturellen Bereich. Die interessanten Ergebnisse dieser Forschungen sind in seinen E-Büchern nachzulesen, wie z.B. “Bridging The Cultural Gap”. Hier lernen moderne Manager sich erfolgreich auf Geschäfte mit Leuten aus Fremdkulturen vorzubereiten. Unter anderem werden aktuelle Themen wie Verhandlungen in Krisenzeiten, interkulturelle Barrieren, landesspezifische Kommunikationstechniken, persönliche kulturbedingte Wertesysteme und Missverständnisse behandelt und plausibel erklärt.
Kontakt:
Prof. C.J.M. Beniers
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Überlegungen zur Kultur als Einflussgröße im Selbstkonzept (3)
Überlegungen zur Kultur als Einflussgröße im Selbstkonzept ((3)*
Es ist hier nicht das Ziel, das schier unüberschaubare Feld unterschiedlicher Verwendungen von “Kultur” (Maase 1990, S. 900) zu betrachten. Vielmehr soll aus der Vielfalt der Begriffsbestimmungen eine brauchbare Arbeitsdefinition gegeben werden, die den Hintergrund für die vorliegende empirische Untersuchung bildet und die Zusammenhänge zwischen Kultur, Wert und Selbtkonzept plausibel machen kann.
Mit Maurer (1990) ist Kultur das,”…was die Menschen aus sich und ihrer Welt machen und was sie dabei denken und sprechen” (S. 823). In einem im angloamerikanischen Sprachraum weit verbreiteten Lehrbuch der Sozialpsychologie wird ebenso eine handlungstheoretische Definition für den Kulturbegriff angeboten: “…cultures are ways of living. Cultures include both patterns of actual behavior and understanding of norms – ideas how people ought to behave. Cultures are typically associated with languages and political entities” (Sabini, 1995, S. 257f).Maase hält fest: “Bei allen Ansätzen geht es im Kern um zwei grundlegende Dimensionen von Kultur:
a. analytisch-funktional um die Systeme von gesellschaftlichen Vermittlungen, über die menschliche Tätigkeit ideell (symbolisch, rational, emotional, sinnlich-bildhaft, ideologisch etc.) reguliert
b. axiomatisch-inhaltlich um die (letztlich auf Interessen gegründeten) Werte, Ziele, Maßstäbe, die die Verhaltensorientierungen konlreter Kultursysteme strukturieren” (S. 900).
Eine solche philosophisch-sozialwissenschaftliche Definition fasst “Kultur als Lebensbedingung, geistig-soziales Agens und Produkt des historisch-gesellschaftlichen Menschen” (Erpenbeck 1996, S. 234) auf. Die angefühhrten kulturellen Regulationsformen (symbolisch, rational, emotional, sinnlich-bildhaft, ideologische etc.) und Strukturaspekte (Interessen, Werte, Ziele, Maßstäbe) haben wesentlich wertenden Charakter. Dazu stellt Erpenbeck (ibid.) fest: “Die vielleicht präziseste Quintessenz des Zusammenhangs von Kultur und Wert stammt von Max Weber: ‘Der Begriff der Kultur ist ein Wertbegriff (…) ,Kultur ist ein vom Standpunkt des Menschen aus mit Sinn und Bedeutung bedachter endlicher Ausschnitt aus der sinnlosen Unendlichkeit des Weltgeschehens’. Damit werden Wert und Wertung die eigentlichen Mittelpunktkategorien des Kulturbegriffs’**.
Bezogen auf die individuelle Ebene im interkulturellen Kontext bedeutet dies im Klartext: Ein Kulturschock ist nichts anderes als ein Werteschock. In der konkreten interpersonellen Kommunikationssituation treffen immer “individuelle Kulturen” aufeinander, d.h. die Beteiligten gehören einer bestimmten Subkultur an und haben (nur) einen bestimmten Teil des in ihrer Kultur vorherrschenden Wertesystems als “subjektive Kultur” (Triandis, 1972) tatsächlich internalisiert. Insofern sind die Beteiligten typisch und untypisch zugleich.
Das bisher Dargestellte lässt sich gut verbinden mit einer gängigen Definition des Wertbegriffs: “Im allgemeinen dient ‘Wert’ als Bezeichnung dafür, was aus verschiedenen Gründen aus der Wirklichkeit hervorgehoben wird und als wünschenswert und notwendig für den Auftritt, der die Wertung vornimmt, sei es ein Individuum, eine Gesellschaftsgruppe oder eine Institution, die die einzelnen Individuen oder Gruppen repräsentiert” (Baran, 1990, S. 805f).
Innerhalb der kognitiv-emotionalen Wissensgesamtheit wäre dann zwischen Werten und wert-determinierenden Resultaten, d.h. dem Wertwissen und dem aus Kenntniswissen, d.h. dem Sachwissen zu unterscheiden. Werte- und Sachwissen machen zusammen “gebündelt” das Handlungswissen, d.h. die Handlungskompetenz einer Person aus (Erpenbeck, 1994, S. 215).
* T. Meynhardt: Interkulturelle Differenzen im Selbstkonzept von Managern. ISBN: 3-8309-1182-3
**C. J.M. Beniers: Kultur. www.slideshare.net/beniers
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